Erweiterte Funktionen

Anzeichen für Lohn-Preis-Spirale verdichten sich


12.10.21 11:30
DONNER & REUSCHEL AG

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Derzeit zeigt sich, dass die Steuerung der Inflation kein so einfaches Unterfangen ist, schon gar nicht das Erreichen eines bestimmten Inflationsniveaus, so Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank DONNER & REUSCHEL.

Zwar würden die Europäische Zentralbank EZB und andere bedeutenden Notenbanken betonen, dass die aktuell höheren Preissteigerungsraten nur temporären Charakter hätten. Die kürzlich erhöhten EZB-Projektionen würden mit 1,7 Prozent für 2022 und 1,5 Prozent für 2023 sogar immer noch weit unter dem langfristigen Zielwert von 2 Prozent liegen. Allerdings entwickle sich gerade eine immer schwerer zu kontrollierende Eigendynamik, die aus vielen verschiedenen preistreibenden Komponenten bestehe, die größtenteils von der Notenbank gar nicht beeinflusst werden könnten. Zuerst seien in den vergangenen Monaten die Preise für diverse Rohstoffe und Vorprodukte deutlich angestiegen, unter anderem aufgrund anhaltend gestörter Lieferketten. Dies habe für teils explodierende Produktionskosten in der Industrie gesorgt. Nun hätten auch noch die Energiepreise unerwartet stark zugelegt. Auch hier seien die Hintergründe vielfältig, dazu würden Corona- und witterungsbedingte Produktionsunterbrechungen, erhöhte Nachfrage in der Erholung nach der Rezession, die nur langsame Anhebung der täglichen Rohölfördermenge durch die OPEC oder leere Gaslagerstätten in vielen Staaten gehören.

Der noch fehlende Schritt für eine länger anhaltende Phase erhöhter Inflationsraten wäre das Einsetzen einer Lohn-Preis-Spirale, die zumindest in den USA schon klar erkennbar sei. In dieser Woche würden die Stellenangebote laut offizieller Arbeitsmarktstatistik (Job Openings and Labor Turnover Survey des Bureau of Labour Statistics, JOLT) veröffentlicht, die mit knapp 11 Millionen offener Stellengesuche erneut auf Rekordniveau liegen dürften. Angesichts des zuletzt erneut nur geringen Anstiegs neuer Arbeitsverhältnisse in den USA eröffne sich deutlicher Spielraum für Lohnerhöhungen für Arbeitnehmer. In Deutschland würden die derzeit höheren Inflationsraten schon zu einem Kernargument für höhere Lohnabschlüsse, schließlich würden höhere Preise vor allem geringere und mittlere Einkommensempfänger treffen. Die EZB-Projektionen dürften vor diesem Hintergrund - möglicherweise deutlich - zu niedrig liegen. Die Zinsen für Staatsanleihen würden weiter steigen, aber voraussichtlich noch lange unterhalb der Inflationsrate liegen. (12.10.2021/alc/a/a)