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Anleiheninvestoren sichern sich mit ESG gegen Populismus ab


02.11.18 12:15
Candriam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Weltweit ist der Populismus heute so stark ausgeprägt wie seit den 1930er-Jahren nicht mehr, so Nicolas Forest, Head of Fixed Income bei Candriam.

Die italienische Haushaltskrise der letzten Wochen sei weder ein Zufall noch eine Ausnahme - und Investoren sollten sich hüten, sie zu unterschätzen. In acht Monaten werde das Europäische Parlament neu gewählt, und zweifellos seien "populistische" Bewegungen in Europa in Mode. Rassemblement National (der frühere Front National) und La France Insoumise in Frankreich, Lega und Fünf-Sterne-Bewegung in Italien, AfD und Die Linke in Deutschland, Ukip in Großbritannien, Podemos in Spanien, PiS in Polen, Fidesz in Ungarn, Syriza in Griechenland, die FPÖ in Österreich, die PVV in den Niederlanden und Vlaams Belang in Belgien - all diese Parteien stünden an der Schwelle zur Macht. Auch in den USA und Lateinamerika nehme der Populismus, wie zuletzt der Sieg von Jair Bolsonaro in Brasilien zeige, zu.

Nach einer Bloomberg-Studie würden heute 41 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) der G20 auf Länder mit populistischen Regierungen entfallen, gegenüber nur vier Prozent im Jahr 2007. Freedom House zufolge habe es bei Freiheits- und Bürgerrechten 2017 erhebliche Rückschritte gegeben. Wir stehen wieder da, wo wir 2007 standen, oder wo wir uns vor dem Zusammenbruch des Ostblocks befanden, wenn wir die weitere Verschlechterung im Jahr 2018 ebenfalls berücksichtigen, so die Experten von Candriam.

Populismus sei populär. Konkret zeige sich das darin, dass die Unabhängigkeit der Notenbanken infrage gestellt werde, internationale Institutionen kritisiert würden und der Protektionismus zunehme. Die Trump-Administration sei hierfür das perfekte Beispiel; man denke an die noch nicht da gewesene Kritik eines Präsidenten an der FED oder die neuen Zölle auf Güter aus China. Donald Trump möge das Musterbeispiel für die populistischen Gefahren für Demokratien sein, aber er sei nicht ihre Ursache. Trump sei nur das Symptom. Und wenn er in zwei oder auch sechs Jahren sein Amt verlassen haben wird (oder vielleicht sogar früher; warten wir es ab), hat sich an den Ursachen des Populismus nichts geändert, so die Experten von Candriam. Sie lägen nämlich wesentlich tiefer.

Nach Einschätzung von OXFAM sei die weltweite Ungleichheit im letzten Jahrzehnt deutlich gestiegen. 82 Prozent des im letzten Jahr geschaffenen Vermögens seien auf das reichste Prozent der Weltbevölkerung entfallen. Nie zuvor sei die Zahl der Milliardäre so stark gestiegen wie 2017, während die Einkommen von Mittel- und Arbeiterschicht nur leicht zugenommen hätten und sich die Staatsfinanzen verschlechtert hätten. Weltweit sei die Armut zurückgegangen, aber die Ungleichheit sei im letzten Jahrzehnt deutlich gestiegen. Die außergewöhnlichen Wertpapierkaufprogramme der Notenbanken hätten das Finanzsystem gerettet, aber nichts an der wachsenden Ungleichheit geändert. Doch sie sei der Nährboden für populistische Parteien.

Aber was sollten Anleiheinvestoren jetzt, nach verstärkten Anzeichen für Volatilität in den letzten Tagen, tun?

Viele Volkswirte würden vom Ende des Konjunkturzyklus in den USA und einer möglichen Rezession sprechen. Dennoch sollte man auch über politische Risiken nachdenken, die für Märkte und Volkswirtschaften mindestens so wichtig sein könnten wie wirtschaftliche Risiken. Für Anleiheinvestoren sei bei der Risikoeinschätzung zweierlei wichtig: Könne der Anleiheemittent (in diesem Fall der Staat) seine Schulden zurückzahlen; sei er also - erstens - zum Schuldendienst fähig? Und zweitens, sei er auch willens?

Die erste Frage sei der Kern der Anleiheanalyse. Rechnerisch hänge die Rückzahlungsfähigkeit vom Primärbudget, dem nominalen Wirtschaftswachstum und den Kosten der Schulden, also den Zinsen, ab. Doch jetzt würden Populisten die Staatsausgaben erhöhen. In den USA, Italien und China habe der massive Anstieg der Staatsausgaben die Defizite steigen lassen. Für höhere Staatsausgaben in Zeiten wie diesen gebe es keinen Präzedenzfall: Seit über 50 Jahren seien in den USA bei einer so niedrigen Arbeitslosenquote wie heute (unter vier Prozent) keine Konjunkturprogramme aufgelegt worden.

Auch das Ende der Austeritätspolitik in Italien, wo die Schuldenstandsquote etwa 130 Prozent betrage, sei seit Gründung der Europäischen Union beispiellos. Die Staatsschulden dürften daher kaum fallen. Solange aber ein Land Kontrolle über seine Währung habe, könne es auch die Schulden zurückzahlen, indem es die Währung abwerten lasse. Für ein Euroraum-Land wie Italien sei dies aber zurzeit unmöglich.

Die zweite Frage sei komplexer. Ob ein Land seine Schulden zurückzahlen wolle, hänge stark davon ab, wie gut es regiert werde und ob es Vereinbarungen einhalte. Der Aufstieg des Populismus könnte diesen Willen schwächen. Die Geschichte lehre, dass der enorme Anstieg der Zahlungsausfälle in Europa in den 1930er- und 1940er-Jahren vor allem politische Gründe gehabt habe. Das habe für Österreich und Deutschland gegolten, wo Faschisten und Nationalsozialisten an die Macht gekommen seien. Es habe aber auch für Russland gegolten, wo sich die bolschewistische Regierung 1918 schlichtweg geweigert habe, die Schulden des Zaren zu bedienen. Gerade erst hätten finanzielle Ungleichgewichte und eine schlechte Staatsführung in vielen Ländern Afrikas und Lateinamerikas zu Problemen geführt.

Die italienische Frage sei aus Sicht der Experten in allererster Linie eine Frage des Willens. Wollten die Italiener und ihre Regierung Mitglied der Europäischen Union bleiben? Nach einer Umfrage von Eurobarometer/ASR wollten nur 30 Prozent der Italiener die EU verlassen. Allerdings seien es in Deutschland weniger als zehn Prozent. 30 Prozent würden nicht viel scheinen - aber habe es nicht etliche Umfragen gegeben, nach denen nur 35 Prozent der Briten 2015 die EU hätten verlassen wollen? Eine neue Finanzkrise oder Rezession könnte Italiens Bindung an Europa weiter schwächen. Die politischen Entwicklungen müsse man sorgfältig im Blick haben. Sicher scheine, dass Italien mit einem Austritt aus der EU seine Zahlungsfähigkeit verlieren würde.

Für Anleiheninvestoren sei es wichtiger als je zuvor, ESG-Faktoren, also ökologische, soziale und gesellschaftliche Faktoren, zu berücksichtigen. Es gehe nicht nur um die Schuldentragfähigkeit, sondern auch um das Ausmaß der Korruption, die Einhaltung von Freiheits- und Bürgerrechten, die Unabhängigkeit der Notenbank und den Respekt gegenüber Institutionen. Ob ein Land die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung erfüllen könne, zeige sich bei einer Analyse der sozialen Sicherheit und der Vermögensverteilung. Aber auch ökologische Kriterien würden für die Staatsschulden immer wichtiger. Der Umgang mit natürlichen Ressourcen und Umweltverschmutzung seien wichtige Themen. Alle Länder, Industrie- wie Schwellenländer, stünden vor den gleichen Herausforderungen.

Zunehmende Ungleichheit, schlechte Staatsführung und systemische Risiken aufgrund des Klimawandels würden in den nächsten Jahren leider zu mehr Zahlungsausfällen führen. Die Integration von ESG-Kriterien ins Anleihemanagement sei daher nicht mehr nur eine Möglichkeit, sondern eine Notwendigkeit. (02.11.2018/alc/a/a)