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Anleihenballon, nicht Anleihenblase


15.09.17 13:00
ETF Securities

London (www.anleihencheck.de) - Die Volatilität ist über die Anlageklassen hinweg gesunken, und die zugrunde liegende makroökonomische Situation hat sich auf globaler Ebene verbessert, was zu größerem Optimismus unter den Anlegern geführt hat, so die Experten von ETF Securities.

Die politische Unsicherheit habe ebenfalls nachgelassen, wobei zwei wesentliche Ausnahmen bestünden: die Regierung Trump und die Brexit-Verhandlungen. Risiken und die von der niedrigen Volatilität implizierte Sorglosigkeit der Anleger seien wesentliche Themen an den Finanzmärkten, und das aktuelle, von Risikobereitschaft geprägte Umfeld, in dem die Aktienmärkte Rekordhochs verbuchen würden, scheine zunehmend unhaltbar.

Hauptgrund für diese niedrige Volatilität seien die lockere Geldpolitik und die umfangreichen Anleihenkäufe der Zentralbanken, die eine Renditesuche unter den Anlegern ausgelöst hätten. Letztere habe sich zunächst auf Vermögenswerte mit dem niedrigsten Risiko beschränkt, wie z.B. Investment-Grade-Anleihen, habe sich mittlerweile aber auch auf Hochzinsanleihen, Aktien und die Optionsmärkte ausgedehnt, wodurch es zu einer Verzerrung der Marktbewertungen und einem Rückgang des wahrgenommenen Risikos gekommen sei. Daher seien die Experten der Ansicht, dass das anhaltend rückläufige Niveau der VIX-Optionen (vom Markt implizierte Volatilität) nicht die tatsächliche Unsicherheit weltweit widerspiegle, sondern die vom Markt eingepreisten Schwankungen, die eine Folge dieser Renditesuche seien.

Hinter dieser augenscheinlichen Gelassenheit der Märkte würden sich aber potenzielle geopolitische Konfliktherde und die unbekannten Konsequenzen einer Beendigung der lockeren Geldpolitik verstecken. Wie bei Risiken üblich sei der Zeitpunkt unerwarteter Ereignisse nicht vorherzusagen, diese würden aber in der Regel zu einem deutlichen Anstieg der Volatilität führen. Die Fragen im Hinblick auf die Regierung Trump, nicht zuletzt die Situation um Nordkorea, hätten die Widerstandsfähigkeit des Marktes auf die Probe gestellt. Andere mögliche Auslöser eines Volatilitätsanstiegs seien eine Schuldenkrise in China, politische Fehler einer Zentralbank, ein Ölpreisschock oder die bevorstehenden Verhandlungen zur Schuldenobergrenze in den USA.

Trotz der Sorgen der Experten verbessere sich das globale Wirtschaftsumfeld angesichts des Straffungszyklus in den USA sowohl in den Industrie- als auch den Schwellenländern, was starke Unternehmensgewinne zur Folge habe. Die letzte Berichtssaison sei sehr positiv für globale Vermögenswerte ausgefallen. Die Umsätze europäischer Unternehmen hätten sich seitwärts entwickelt, würden bereinigt um den Auslandsumsatz aber ein anhaltendes Wachstum verzeichnen.

Nach Erachten der Experten weise Europa nach wie vor den besten Ausblick für Gewinnerholungen auf und sei auf relativer Basis gleichzeitig attraktiv bewertet. Der Technologiesektor leide trotz der vergleichsweise attraktiven Bewertungen an der jüngsten Kursschwäche. Die Verkaufswelle im Sektor erreiche ihrer Ansicht nach mittlerweile überzogene Niveaus, da die ausgewiesenen Ergebnisse die Analystenerwartungen deutlich übertreffen würden. Sowohl Gewinn- als auch Umsatzwachstum würden positiv ausfallen, was darauf hindeute, dass die Fundamentaldaten weiter intakt seien.

Dennoch würden die Anleger Zweifel am Fundament der Aktienrally angesichts einer nach Meinung der Experten fälschlich bezeichneten "Anleihenblase" hegen. Wenngleich sich die globalen Anleihenrenditen nahe ihren historischen Tiefstständen bewegen würden, stelle dies nicht notwendigerweise eine Blase im traditionellen Sinne dar. Die Renditen würden künstlich niedrig gehalten, bedingt durch die außergewöhnlich umfangreichen Stimulierungsmaßnahmen der Zentralbanken. Vor diesem Hintergrund würden die Experten die Situation als Anleihenballon und nicht als Anleihenblase bezeichnen. Der wesentliche Unterschied zwischen einem Ballon und einer Blase sei das Endergebnis: die Zentralbanken seien eher gewillt, die Luft aus dem Ballon zu lassen als die Blase zum Platzen zu bringen. Die schrittweise Deflation des Anleihenballons sei ein wesentliches Ziel, das die Zentralbanken mit der Einstellung ihrer Wertpapierkaufprogramme verfolgen würden.

Dabei komme der Kommunikation bei der Gestaltung der Anlegererwartungen im Hinblick auf den Straffungskurs der Geldpolitik eine entscheidende Rolle zu. Ein weiteres "Taper Tantrum" würde darauf hindeuten, dass es den politischen Entscheidungsträgern nicht gelungen sei, die Stimulierungsmaßnahmen in kontrollierter und geordneter Weise einzustellen, und zudem die Anfälligkeit des Anlegeroptimismus verdeutlichen, der derzeit die Märkte präge. Die politischen Verantwortlichen scheinen nicht übermäßig aggressiv auftreten zu wollen, selbst angesichts höherer Löhne und des daraus resultierenden Preisauftriebs, so die Experten. Die Zentralbanken seien sich der Gefahren bewusst, die sprunghafte Volatilitätsanstiege und Marktinstabilität für den globalen Konjunkturoptimismus und dadurch wiederum für die Wirtschaftsaktivität bergen würden.

Paradoxerweise könnte eben die quantitative Lockerung (Quantitative Easing, QE), die zum Ziel gehabt habe, den Marktstress zu verringern, zu neuerlichen Stressphasen führen, wenn sie eingestellt werde. Die politischen Entscheidungsträger würden eine negative Feedbackschleife vermeiden wollen, wobei sie auf diesen Marktstress reagieren würden, indem sie geldpolitische Straffungsmaßnahmen, die zu Volatilität an den Märkten geführt hätten, umkehren würden. Eine zu starke Abweichung von den Markterwartungen hinsichtlich der Politik könnte neuerliche Stressphasen nach sich ziehen, weshalb Forward Guidance und Transparenz von entscheidender Bedeutung seien.

Die Kommunikation der Zentralbanken verbessere sich, und nach Erachten der Experten sei ein weiteres "Taper Tantrum" wie 2013 unwahrscheinlich. Gleichwohl hätten die Märkte die Stellungnahmen der Zentralbanken ihrer Ansicht nach in einigen Fällen fehlinterpretiert. Entlang des geldpolitischen Spektrums positioniere sich die US Federal Reserve (FED) entschieden am "strafferen" Ende, während die Bank of Japan (BoJ) in ähnlicher Weise am "lockereren" Ende dieser Spanne angesiedelt sei. Dazwischen würden sich die Bank of England (BoE) und die Europäische Zentralbank (EZB) positionieren. (15.09.2017/alc/a/a)