Erweiterte Funktionen

Anleihen mittelfristig wieder attraktiver dank höherer Inflationsprämie


03.11.21 12:08
Swisscanto Invest

Zürich (www.anleihencheck.de) - Kurzfristig wird die globale Konjunktur nach wie vor von Produktions- und Lieferengpässen dominiert, so die Experten von Swisscanto Invest.

Die Folge davon seien ein gedämpftes Wachstum und stark steigende Einkaufspreise, welche die Unternehmen vermehrt an die Konsumenten weitergeben würden. Beide Effekte seien jedoch nur temporärer Natur. Die gegenwärtigen Sorgen über eine Stagflation würden die Experten somit für übertrieben halten. Mit dem Abflauen der Pandemie würden sich die Engpässe im kommenden Jahr allmählich wieder auflösen. Die großen Notenbanken könnten deshalb durch den aktuellen Inflationsbuckel hindurchblicken und stünden nicht unter Druck, die Zinsen bald zu erhöhen.

In Großbritannien, Kanada und den USA erweise sich die Inflation als etwas hartnäckiger, weshalb die Experten dort in den Jahren 2022 und 2023 mit einzelnen Zinsschritten rechnen würden. In der Eurozone, in Japan und in der Schweiz sei jedoch keine Zinserhöhung in Sicht. Bei den Anleihen würden die Experten unverändert mit leicht steigenden Renditen rechnen. Aufgrund der Inflation und der Tiefzinspolitik der Notenbanken würden die Realrenditen jedoch negativ bleiben. Aktien würden bei der Gemengelage trotz einiger Unwägbarkeiten attraktiv bleiben. Dies gelte insbesondere, da die Unternehmensergebnisse in der laufenden Berichtssaison gut ausgefallen seien.

Die Renditen von Staatsanleihen hätten im Oktober den Aufwärtstrend nur teilweise fortgesetzt. Am stärksten seien die Renditen noch in Australien angestiegen. Insgesamt seien die Zinskurven jedoch flacher geworden, da mittlerweile der Wachstumshöhepunkt der globalen Konjunkturentwicklung durchschritten worden sei. Im mittleren Laufzeitensegment (fünf bis zehn Jahre) seien die Inflationserwartungen erneut angestiegen und hätten auch die Nominalrenditen positiv beeinflusst. Der Preisauftrieb bei den Energierohstoffen habe die Inflationssorgen der Marktteilnehmer nochmals erhöht.

Die implizite Inflationserwartung (Breakeven Inflation) von zehnjährigen US-Staatsanleihen liege auf den Höchstständen des letzten Jahrzehnts. Ursache dafür seien neben den höheren Rohölpreisen auch steigende Einkaufspreise und zunehmende Auftragsrückstande bei Unternehmen. Diese Faktoren würden die Inflationserwartungen an den Finanzmärkten hochhalten, sie dürften jedoch weitgehend vorübergehender Natur sein. Mit der höheren Inflationsprämie scheinen Anleihen aus mittelfristiger Perspektive wieder attraktiver, insbesondere, wenn sich die Konjunkturdynamik verlangsamt, so die Experten von Swisscanto Invest.

Die Inflationserwartungen würden momentan noch die Renditebewegungen an den Finanzmärkten dominieren. Die Realrenditen würden dabei weiterhin auf tiefem Niveau verharren. Sobald die Reduktion der Wertpapierkäufe in den USA einsetze, werde die Nachfrage nach US-Staatsanleihen schwinden. Da das Treasury mittlerweile fast das gesamte Guthaben auf dem Konto bei der US-Notenbank FED aufgebraucht habe, dürfte es wieder vermehrt Kapital über den Finanzmarkt aufnehmen und das Angebot an Wertpapieren erhöhen. Die Experten seien daher der Ansicht, dass die Realrenditen Anstiegspotenzial hätten. Manifestieren werde sich ein solches Szenario vor allem bei rückläufigen Inflationserwartungen.

Am Devisenmarkt hätten sich höhere Rohstoffpreise, eine Stimmungsaufhellung am Aktienmarkt sowie ein globaler Anstieg der nominalen Anleiherenditen zuletzt positiv auf die prozyklischen Währungen und insbesondere auf die Rohstoffwährungen ausgewirkt. Mit Blick in die Zukunft dürften diese Kräfte schwinden. Die Energiepreise würden vorerst wohl erhöht bleiben, die Rohstoffrally insgesamt sollte aber ihre größte Dynamik bereits gesehen haben. Des Weiteren sollte künftig der Renditeanstieg zunehmend realer Natur sein. Dies habe Implikationen für das Währungsgefüge. Während höhere Nominalzinsen wie oben beschrieben vor allem zyklischen Währungen Auftrieb geben würden, würden höhere Realzinsen in erster Linie den US-Dollar begünstigen.

Diese Entwicklung dürfte noch verstärkt werden, da steigende globale Realrenditen vor allem durch einen Anstieg der US-Realzinsen getrieben sein dürften. Hingegen würden höhere Realrenditen überproportional stark auf dem Schweizer Franken lasten. Insgesamt würden die Experten damit rechnen, dass der Franken sich über die nächsten Monate wieder etwas abschwächen werde. Der EUR/CHF-Kurs sei gegen Ende Oktober unter 1,07 gefallen und damit zurück in den Interventionsbereich der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Der Euro sei zuletzt auch dadurch belastet worden, dass Lieferengpässe die Konjunkturerholung in Europa überproportional bremsen würden. Mit der sukzessiv besseren Versorgung und damit anhaltenden Konjunkturerholung dürfte die Gemeinschaftswährung aber wieder mehr Unterstützung erhalten.

Die Schwellenländeraktien hätten in diesem Jahr bislang deutlich schlechter abgeschnitten als die der Industriestaaten. Dies habe vor allem am abnehmenden Wachstumsüberschuss gegenüber den entwickelten Märkten und der wirtschaftspolitischen Entwicklung sowie der Schuldensituation des Immobiliensektors im Indexschwergewicht China gelegen. Entsprechend würden die Finanzanalysten den Gewinnausblick für die Schwellenländer auch kritischer als für die Industriestaaten sehen. Nach Prognosen der Experten sollte sich aber bald eine Wende bei der relativen Konjunkturdynamik einstellen.

Darüber hinaus habe sich die Lage in China zumindest beruhigt. Zwar sei weiterhin mit regulatorischen Maßnahmen seitens der Regierung zu rechnen und das Schuldenproblem im Immobiliensektor nicht gelöst, aber eine Eskalation würden die Experten vorerst nicht erwarten. Wenn die Prognosen der Experten eintreffen würden, dann wäre der aktuelle Gewinnausblick des Konsensus für die Schwellenländer zu niedrig, was bei ihrer niedrigen Bewertung im Vergleich zu den Industriestaaten positive Kursüberraschungen auslösen dürfte.

Im Vorfeld der Gewinnberichtssaison hätten die Experten darauf hingewiesen, dass aufgrund der Abwärtsrevisionen der Volkswirte beim globalen Konjunkturwachstum erstmals seit Längerem wieder ein erhöhtes Risiko für Enttäuschungen bei den Gewinnberichten der Unternehmen bestehe. Bislang sei es jedoch nicht zu Enttäuschungen gekommen. In den USA seien sowohl Anteil als auch Ausmaß der positiven Überraschungen im historischen Vergleich weit überdurchschnittlich.

Auch die vielfach befürchtete Margeneinengung aufgrund der globalen Lieferengpässe und der damit verbundenen Preissteigerungen habe sich zumindest noch nicht eingestellt beziehungsweise stehe noch nicht im Vordergrund. Der Margendruck werde im 4. Quartal allerdings zunehmen, worauf die Unternehmen auch selbst in ihren Ausblicken hinweisen würden. Die Finanzanalysten würden ihre Erwartungen dementsprechend herunterschrauben, wie die aktuelle Entwicklung des Revisionenindex für den Weltaktienmarkt zeige. Er bewege sich zwar noch über der Nulllinie, aber der Optimismus habe deutlich abgenommen. Das wäre schon jetzt ein gutes Signal für die kommende Berichtssaison, weil die Messlatte sinke. (03.11.2021/alc/a/a)