Anleihen-Handel: Zinsauftrieb nach Lagarde-Auftritt


01.11.21 09:30
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Geldpolitischer Richtungswechsel wegen hoher Inflation? Nein, erklärte EZB-Chefin Christine Lagarde auf der gestrigen Notenbanksitzung. Das Anleihekaufprogramm PEPP soll zwar im März 2022 enden, wie es weitergehen wird, blieb unklar, so die Deutsche Börse AG.

Spekulationen über eine Zinserhöhung im nächsten Jahr sei Lagarde allerdings deutlich entgegengetreten.

Dennoch seien die Renditen am europäischen Rentenmarkt kräftig gestiegen. "An den Rentenmärkten nehmen die Stagflationssorgen zu, was sich in steigenden Inflations- und Zinserwartungen widerspiegelt", erkläre Anleiheanalyst Hauke Siemßen von der Commerzbank. "Die Signale der EZB-Präsidentin bei der gestrigen Pressekonferenz konnten dieser Dynamik nicht den Wind aus den Segeln nehmen." Wie Rentenhändler Arthur Brunner von der ICF Bank feststelle, werde am Geldmarkt jetzt auf eine erste Zinserhöhung im Oktober 2022 spekuliert, und zwar um 20 Basispunkte.

Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen, die zuvor kurzzeitig wieder gefallen sei, liege am Freitagmorgen bei minus 0,11 Prozent. Im August seien es noch minus 0,49 Prozent gewesen, Anfang des Jahres minus 0,57 Prozent. In den USA hätten sich die Renditen zehnjähriger Treasuries seit Jahresanfang von 0,93 auf 1,60 Prozent erhöht.

Highlights am Rentenmarkt nächste Woche: Die Notenbanksitzungen der Bank of England und der US-Notenbank FED. "Da sich die Inflationsrate immer weiter von ihrem Inflationsziel entfernt hat, dürfte die Bank of England erstmals seit 2018 den Leitzins anheben", meine Analyst Siemßen. Auch eine Ankündigung der FED, schrittweise aus ihrem Anleihekaufprogramm auszusteigen, werde wohl niemanden mehr überraschen.

Deutlich unter Abgabedruck seien langlaufende polnische Staatsanleihen geraten, wie Tim Oechsner von der Steubing AG berichte. Hintergrund sei, dass der Europäische Gerichtshof wegen der umstrittenen Justizreform eine Rekordstrafe gegen das Land verhängt habe. Betroffen von den Verkäufen sei zum Beispiel die bis 2049 laufende Anleihe mit 2 Prozent Kupon (ISIN XS1960361720/ WKN A2RYWH).

Böse überrascht worden seien Anleger diese Woche von EYEMAXX Real Estate: Der Immobilienentwickler habe gemeldet, die diese Woche fälligen Zinsen auf die bis 2023 laufende Anleihe (ISIN DE000A2GSSP3/ WKN A2GSSP) nicht bezahlen zu können. "Das kam wie aus dem Nichts", kommentiere Rainer Petz von Oddo BHF. "Der Kurs fiel bis auf 16 Prozent, jetzt sind es 24 Prozent." Die Anleihe werde aktuell ohne Stückzinsen gehandelt.

Kräftig nach unten sei es auch für die beiden anderen Anleihen des Unternehmens gegangen. Die 2024 fällige Anleihe mit 6 Prozent (ISIN DE000A2YPEZ1/ WKN A2YPEZ) werde jetzt nur noch zu 19,5 Prozent gehandelt, wie Brunner berichte. Die zweite, besicherte Anleihe mit Fälligkeit 2025 und 5,5 Prozent (ISIN DE000A289PZ4/ WKN A289PZ) bei knapp unter 50 Prozent. Schon im Frühjahr habe es Probleme bei EYEMAXX gegeben, das Unternehmen habe sich damals aber noch erholen können.

Wieder zulegen können hätten Anleihen von Adler Real Estate (ISIN XS1713464524/ WKN A2G8WZ, ISIN XS1713464441/ WKN A2G8WY, ISIN XS2283225477/ WKN A287MT), dem Immobilienkonzern, der ins Visier des britischen Short-Sellers Fraser Perring geraten sei. Adler habe diese Woche gemeldet, dass zum Abbau von Schulden weitere Tausende Wohnungen verkauft werden sollten, eine Vereinbarung sei bereits unterzeichnet. Auch für die Papiere des Adler-Großaktionärs Aggregate Holdings (ISIN DE000A28ZT71/ WKN A28ZT7) sei es wieder deutlich nach oben gegangen, wie Petz feststelle. "Im Gegensatz zu den Adler-Anleihen sind da viele Retail-Anleger drin."

Verstärkt Umsatz gebe es laut Oechsner in der Anleihe des Immobilienentwicklers Henri Broen mit Kupon von 7,5 Prozent und Fälligkeit 2025 (ISIN DE000A283WQ2/ WKN A283WQ): "Henri Broen hat ein Aktien-IPO angekündigt."

Deutlich nach unten gehe es heute hingegen für den Bond von UniDevice (ISIN DE000A254PV7/ WKN A254PV), einem B2B-Handelsunternehmen für Smartphones und Wearables. "UniDevice hat gemeldet, dass Störungen in den internationalen Lieferketten seit Mitte September einen negativen Einfluss auf die Geschäftsentwicklung haben", erkläre Oechsner.

Gerne gekauft werde eine bis 2028 laufende Vodafone-Anleihe in US-Dollar mit Kupon von 4,375 Prozent (ISIN US92857WBK53/ WKN A191JG), wie Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank berichte. Beim aktuellen Kurs ergebe das eine Rendite von 2,04 Prozent.

Noch bis zum 11. November in der Zeichnung sei die neue fünfjährige Anleihe von Neue ZWL Zahnradwerk Leipzig mit Kupon von 6 Prozent (ISIN DE000A3MP5K7/ WKN A3MP5K). Neu sei auch ein Bond der Tempton Personaldienstleistungen mit 4,75 Prozent und Fälligkeit 2026 (ISIN NO0011129496/ WKN A3MP7A), wie Brunner erkläre. (Ausgabe vom 29.10.2021) (01.11.2021/alc/a/a)






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