Anleihen: Auf der Suche nach dem verlorenen Zins


05.11.19 12:15
DWS

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Wer in Anleihen investieren und nicht auf Zinserträge verzichten möchte, muss inzwischen weltweit aufgestellt sein: Während die Zinsen in den Industrieländern großteils negative Vorzeichen haben, lassen sich in manchen Schwellenländern noch auskömmliche Renditen erzielen, so die Experten von DWS.

Auf den ersten Blick erscheine die Lage paradox: Die Zinsen lägen so niedrig wie noch nie. Und doch würden Investoren Festverzinsliche wie verrückt kaufen. Wie passe das zusammen? Und könnten Anleger mit Renten überhaupt noch die Inflation ausgleichen?

Der Reihe nach. Die Zinsen auf den Kreditmärkten seien so niedrig wie nie. Viele Staatsanleihen von Ländern mit hoher Bonität, also geringem Ausfallrisiko, würden bereits seit einiger Zeit im negativen Bereich notieren. Das heiße: Wer diesen Ländern Geld leihe, bekomme nicht etwa im Gegenzug Zinsen dafür, sondern müsse sogar draufzahlen. Und auch immer mehr Unternehmen würden es schaffen, am Anleihemarkt frisches Kapital einzusammeln und dafür auch noch zusätzliches Geld von den Investoren einzustreichen. Anleger, die solche Anleihen kaufen und bis zum Ende der Laufzeit halten würden, würden mit Sicherheit Verlust machen. Und dabei sei die Inflation noch gar nicht berücksichtigt.

Für die dennoch hohe Nachfrage nach Anleihen sei vor allem die amerikanische Notenbank FED verantwortlich. Noch im vergangenen Jahr habe es so ausgesehen, als hätten die USA die Phase der Niedrigzinsen beendet und die Wende eingeläutet. Fast alles habe dafür gesprochen, dass die Notenbank die Zinsen fortan Schritt für Schritt wieder auf ein höheres Niveau hieven würde. Früher oder später, so das Kalkül, würden sich auch andere Notenbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) dem Trend anpassen und ihrerseits die Zinsen anheben müssen. Bereits bestehende Bondpositionen, die noch mit einem niedrigeren Zins ausgestattet worden seien, hätten in diesem Szenario Kursverluste erlitten. Entsprechend verhalten gewesen seien die Kaufneigung.

Im Herbst 2019 sei alles plötzlich ganz anders. Angesichts der zunehmenden wirtschaftlichen Risiken auf den Weltmärkten habe sich die FED Ende Juli zu einer ersten vorsichtigen Zinssenkung entschlossen, der im September ein weiterer Zinsschritt nach unten gefolgt sei. Viele Beobachter würden davon ausgehen, dass das nicht der letzte gewesen sei. Die Zentralbank werde "angemessen handeln", um das Wachstum zu stützen, habe FED-Chef Jerome Powell Anfang Oktober gesagt. Ende Oktober sei es dann soweit gewesen. Die FED habe die Leitzinsen ein weiteres Mal gesenkt.

Für Investoren sei eine solche Nachricht oft ein Anreiz, sich rechtzeitig mit Papieren einzudecken, die noch mit einem höheren Zinssatz versehen seien. Hinzu komme, dass bereits begebene Anleihen normalerweise im Kurs steigen würden, wenn der Marktzins falle. Das gelte selbst für Papiere, die im negativen Bereich rentieren würden, wie zum Beispiel die meisten deutschen Staatsanleihen.

Für manchen Investor komme hinzu, dass der lange Boom am Aktienmarkt ins Stocken geraten zu sein scheine. Die Angst vor einer drohenden Rezession, verbunden mit der Sorge vor einer Eskalation der vielen politischen Konflikte, hätten den Optimismus vieler Anleger jäh ausgebremst. Statt hohe Verluste zu riskieren, würden sie in dieser Situation lieber sichere Häfen ansteuern. Selbst dann, wenn sie dafür negative Zinsen in Kauf nehmen müssten.

Doch welche Anleihen seien die richtigen? Klassische Staatsanleihen von Industrieländern wie etwa den USA oder Deutschland würden zwar ein hohes Maß an Sicherheit bieten. Doch Zinserträge würden sich damit nicht erwirtschaften lassen. Anleger, die mit ihren Investitionen mindestens die Inflation ausgleichen möchten, müssten sich nach Alternativen umsehen. Möglichkeiten würden sich vor allem in fernen Ländern sowie bei hochverzinslichen Firmentiteln bieten. Dabei gelte: Je höher die Rendite, desto höher sei auf der anderen Seite auch das Risiko.

Viele Schwellenländer, vor allem aus Asien, hätten in den vergangenen Jahren eine rasante Entwicklung hingelegt und würden ein robustes Wirtschaftswachstum aufweisen. Auch wenn sich die Aussichten zuletzt eingetrübt hätten: Die hohe Risikoanfälligkeit früherer Jahre scheine durch eine Phase langanhaltender Stabilität mit vergleichsweise hohen Wachstumsraten abgelöst worden zu sein. Dennoch lägen die Zinsen für die Kreditaufnahme der Länder noch immer deutlich über denen der großen Industrienationen wie den USA oder Deutschland.

Vor diesem Hintergrund scheinen besonders in Euro denominierte Staatsanleihen aus Schwellenländern einen Blick wert zu sein, so die Experten von DWS. Diese Wertpapiere würden zwar nicht die gleiche Bonität wie etwa Bundesanleihen genießen. Doch mit der Kreditqualität von europäischen Unternehmensanleihen könnten viele inzwischen mithalten. Zugleich würden die Anleihen der Schwellenländer immer noch einen Renditeaufschlag gegenüber Emittenten aus Industrienationen mit vergleichbarem Rating aufweisen.

"Mit Anleihen, die in Euro begeben werden, können Anleger das Währungsrisiko umgehen", erkläre Roland Gabert, Fondsmanager bei der DWS. Zudem verzeichne der Markt für Anleihen in Euro seit ein paar Jahren ein starkes Wachstum, was Investoren eine größere Auswahl biete. "Allein 2019 haben sieben Schwellenländer erstmals auch Anleihen in Euro begeben" sage Roland Gabert. "Damit steigen die Möglichkeiten für Anleger, ihre Kreditrisiken zu diversifizieren."

Traditionell würden Schwellenländeranleihen allerdings eher in Dollar begeben. Damit sei die Auswahl der verfügbaren Titel deutlich größer. Und auch hier erscheinen die Aussichten vergleichsweise aussichtsreich, so die Experten von DWS. Allerdings müssten Anleger bei diesen Papieren Währungsschwankungen mit bedenken. Verliere der Dollar gegenüber dem Euro an Wert, sinke auch der Wert der Dollar-Anleihen.

Aber auch bei Staatsanleihen sei ein wachsamer Blick von Nöten. So taumele etwa Argentinien bereits dem neunten Staatsbankrott seiner Geschichte entgegen. Und auch in der Türkei würden sich die Anzeichen für eine drohende Zahlungsunfähigkeit mehren. (Ausgabe vom 04.11.2019) (05.11.2019/alc/a/a)