Anleihen: "Anleger weiter sehr vorsichtig"


15.05.20 16:00
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Entspannung ist im Anleihenhandel nicht in Sicht, dazu bleibt die Nachrichtenlage zu belastend: Am heutigen Freitag meldet das Statistische Bundesamt für Deutschland einen BIP-Rückgang von 2,2 Prozent im ersten Quartal, die Bundesregierung rechnet für das Gesamtjahr 2020 mit der schwersten Rezession der Nachkriegsgeschichte, so die Deutsche Börse AG.

"Die Leute sind weiter sehr vorsichtig", berichte Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank. Daher würden die "sicheren Häfen" gefragt bleiben: Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe liege weiter bei niedrigen minus 0,54 Prozent.

Bei europäischen Staatsanleihen stehe weiterhin das Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Fokus, wie Anleiheanalyst Cem Keltek von der Commerzbank erkläre. Da Investoren zunehmend auf einen Kompromiss setzten, seien die Risikoaufschläge italienischer Staatsanleihen aber wieder auf das Niveau von vor dem Urteil zurückgekehrt. "Allerdings hat das Bundesverfassungsgericht mit seinem Urteil die Schwachstellen der Währungsunion schonungslos offengelegt", meine Keltek. Als Folge dürften in Zukunft Maßnahmen der EZB häufiger infrage gestellt werden. Vor allem das PEPP-Programm (Pandemic Emergency Programme) werde wohl weitere Kritik hervorrufen.

Das Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP), verkündet vom EZB Rat am 18. März 2020 in Reaktion auf die Corona-Krise, sei ein temporäres Ankaufprogramm in Höhe von 750 Milliarden Euro für Anleihen öffentlicher und privater Schuldner. Anders als bei den bisherigen Anleihekäufen sei es nun auch möglich, dass eine Notenbank insgesamt mehr als ein Drittel der Staatsanleihen eines Eurolandes aufkaufe. Auch Schuldverschreibungen mit einer kurzen Laufzeit von 70 Tagen dürften nun gekauft werden, bislang habe die Untergrenze bei einem Jahr gelegen.

Die Welle an schlechten Unternehmenszahlen führe bei vielen Corporate Bonds zu Abgaben. "Die Konjunktursorgen dürften auch die Erholung der bisher recht widerstandsfähigen Investment Grade-Unternehmensanleihen in Euro infrage stellen", vermute die Commerzbank.

Erneut unter Druck seien laut Daniel in dieser Woche ThyssenKrupp-Anleihen nach Veröffentlichung enttäuschender Zahlen für das zweite Quartal 2019/2020 geraten. Die Rendite der bis November 2020 laufenden Anleihe (ISIN DE000A14J579 / WKN A14J57) mit Kupon von 1,75 Prozent liege am Freitagmorgen bei 7,55 Prozent, die der bis Februar 2024 laufenden mit 2,875 Prozent (ISIN DE000A2TEDB8 / WKN A2TEDB) bei 7,6 Prozent. Anleger würden ebenfalls die bis 2026 laufende Areal-Anleihe (ISIN DE000A1TNC94 / WKN A1TNC9) verkaufen, die aktuell mit 4,44 Prozent rentiere, und zu Papieren (ISIN DE000SYM7720 / WKN SYM772) von Symrise greifen. Diese seien 2025 fällig bei einer aktuellen Rendite von 1,32 Prozent.

Auch die miserablen Zahlen aus dem deutschen Einzelhandel seien am Anleihemarkt spürbar. Am heutigen Freitag würden Bonds des Modediscounters Takko unter die Räder geraten, wie Rainer Petz von Oddo Seydler melde. Sowohl ein 2023 fälliger Floater (ISIN XS1710653483 / WKN A19RD4) als auch eine bis 2023 laufende Anleihe (ISIN XS1710653137 / WKN A19RD5) mit Kupon von 5,375 Prozent hätten kräftig nachgegeben. "Das wirkt sich auch negativ auf Anleihen anderer Einzelhändler aus, etwa Douglas."

Der hohe Finanzierungsbedarf der Unternehmen sorge weiter für eine rege Emissionstätigkeit: Neues komme zum Beispiel von Daimler: Der Autobauer habe eine zehnjährige Anleihe (ISIN DE000A289XG8/ WKN
A289XG) mit Kupon von 2,375 Prozent auf den Markt gebracht. "Die wäre uns vor Corona noch aus den Händen gerissen worden, jetzt gibt es kaum Nachfrage", stelle Daniel fest. "Zehn Jahre sind in Zeiten, in denen man nicht einmal die nächsten Wochen planen kann, einfach zu lang."

Auch viele andere große deutsche Unternehmen seien aktiv gewesen, etwa E.ON und die Deutsche Bank. Petz berichte von drei neuen E.ON-Bonds über insgesamt 2 Milliarden Euro. Davon würden 500 Millionen Euro auf eine grüne Anleihe entfallen. Der Energieversorger biete für drei Jahre 0,375 Prozent, für acht Jahre 0,75 Prozent und für elf Jahre mit der grünen Anleihe 0,875 Prozent.

Analyst Keltek spreche von einer "Emissionslawine" und gehe davon aus, dass sich diese wegen des unverminderten Liquiditätsbedarfs der Unternehmen fortsetzen werde. "Das dürfte der Fall sein, solange sich die Stimmung die Nachfrage nicht so stark verschlechtert, dass die Anleihen nicht mehr abgesetzt werden können." (15.05.2020/alc/a/a)





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