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Anhaltende Euro-Stärke weist auf eine noch lange Strecke des Weges für die EZB hin


02.08.17 11:15
Franklin Templeton

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Märkte haben begeistert auf die als optimistisch eingeschätzten Äußerungen von EZB-Präsident Mario Draghi letzten Monat reagiert, so Matthias Hoppe, Senior Vice President, Portfolio Manager Franklin Templeton Multi-Asset Solutions.

Der Euro sei daraufhin bis in den Juli hinein steil nach oben gegangen. Hoppe interpretiere die jüngsten Äußerungen Draghis jedoch eher als Warnung an den Markt, nicht vorschnell zu reagieren. Ungeachtet der von ihm bereits zum Ausdruck gebrachten Skepsis über die rasante Aufwertung des Euro im Anschluss an die vielbeachtete Rede des Präsidenten der Europäische Zentralbank (EZB) Mario Draghi am 27. Juni in Portugal steige die Einheitswährung weiter. Sicher würde aus seiner Sicht die EZB eine starke Aufwertung des Euro gern verhindern, vor allem angesichts einer Inflationsrate, die noch vom 2%-Ziel entfernt sei. Die Frage sei daher, ob die EZB es in der Hand habe, den Anstieg des Euro zu verhindern.

Auf der letzten Pressekonferenz am 20. Juli sei Draghis Haltung eindeutig milder erschienen. Obwohl er erneut das gute Wachstum in der Eurozone erwähnt habe, habe er eingeräumt, dass das Inflationsziel der EZB noch lange nicht erreicht sei. "Die Inflation ist nicht dort, wo wir sie haben wollen und wo sie sein sollte", habe er erklärt. Zum Vergleich habe die Gesamtinflation gemessen am Verbraucherpreisindex im Juni bei 1,3% gelegen. Die Kerninflation, bei der die notorisch schwankenden Energiepreise ausgeklammert seien, habe unterdessen 1,1% betragen.

Die Äußerungen von Draghi seien just gekommen, nachdem der Gouverneursrat der EZB seine Vorgabe bestätigt habe, wonach die Zinsen auf längere Sicht und weit über die Beendigung des quantitativen Lockerungsprogramms hinaus auf dem aktuellen Niveau bleiben würden. Zudem habe die EZB erneut zugesichert, Volumen und Dauer des Anleihekaufprogramms zu erhöhen bzw. zu verlängern, sollte sich der Ausblick eintrüben oder sollten die Finanzbedingungen nicht mehr mit weiteren Fortschritten in Richtung einer nachhaltigen Anpassung des Inflationspfades zu vereinbaren sein. "Wir sind jederzeit bereit, unser Anleihekaufprogramm auszuweiten bzw. zu verlängern", habe Draghi ausdrücklich erklärt.

Für den Experten würden diese Worte wie ein Warnsignal an den Anleihemarkt klingen. Er sei überzeugt, dass die EZB nicht wolle, dass der Markt vorschnell reagiere, und womöglich die Inflation noch mehr drücke, indem die Finanzierungskosten in die Höhe getrieben würden. Wie schon in der Vergangenheit sei folglich die EZB bereit, gegebenenfalls einzugreifen.

Die Anleihemärkte scheinen den EZB-Präsidenten beim Wort genommen zu haben, da die Renditen nach der Pressekonferenz gefallen sind, so Hoppe. Die Devisenmärkte hätten die Äußerungen jedoch offensichtlich anders interpretiert, und der Euro sei gestiegen. Nach Ansicht vieler Beobachter habe die EZB die Chance verpasst, den Euro klein zu reden. Offensichtlich habe der bloße Hinweis auf "Vorsicht und Geduld" nicht ausgereicht, um die Aufwertung der Einheitswährung aufzuhalten.

Gleichwohl könnten die Rhetorik der Währungshüter sowie die Zins- und die Geldpolitik allein den Wechselkurs nicht maßgeblich bestimmen. Treiber für den starken Euro sei nach Erachten des Experten aber wohl die US-Dollarseite der Gleichung. Seit März seien die Zahlen aus den USA enttäuschend, während die Daten aus der Eurozone für positive Überraschungen gesorgt hätten.

Die Kluft zwischen den überraschend erfreulichen Daten aus der Eurozone und den mageren Zahlen aus den USA habe wesentlich zum jüngsten Anstieg des Euro gegenüber dem US-Dollar beigetragen. Einerseits seien die Fortschritte zum Erreichen der hohen Erwartungen an die Haushaltspolitik und das Gesetzgebungsverfahren in den USA enttäuschend gewesen. Andererseits habe die Flut von freundlicheren Zahlen die durch die Schuldenkrise in der Eurozone 2012 geschürten pessimistischen Erwartungen weggespült.

In diesem Szenario dürfte der Euro seinen Anstieg gegenüber dem US-Dollar fortsetzen. Die EZB würde gern eine starke Aufwertung des Euro verhindern, da sie die Finanzbedingungen ohnehin bereits straffe. Der Experte finde es bezeichnend, dass Draghi ausdrücklich eingeräumt habe, dass eine Verschärfung der Finanzbedingungen "das Letzte ist, was der Gouverneursrat erreichen will."

Ganz anders die Haltung der US-Notenbank (FED), die sich um eine Verschärfung der Finanzbedingungen bemühe, indem sie die Zinsen erhöhe und ihre Bilanz verkleinere. Die EZB könnte zwar ihre Anleihekäufe bereits ab Herbst weiter verringern, das würde jedoch nicht den endgültigen Ausstieg aus der quantitativen Lockerung bedeuten. Darüber hinaus lägen nachhaltige Zinserhöhungen nach Erachten des Experten nach wie vor in weiter Ferne.

Selbst wenn die Wirtschaft im Euroraum nicht weit von der Vollbeschäftigung entfernt wäre, was bei Weitem nicht der Fall sei, könnte die EZB nach Meinung des Experten eine Zinserhöhung dennoch kaum rechtfertigen. Denn sowohl die aktuelle Inflation in der Eurozone als auch die Inflationserwartungen seien sehr gedämpft. Vor diesem Hintergrund hätten Anleger die Aussicht auf eine Straffung der Geldpolitik eventuell zu optimistisch eingeschätzt. Am derzeitigen Zinsniveau werde sich wahrscheinlich nichts ändern. In den USA werde dagegen allgemein mit einem weiteren Zinsschritt der FED noch in diesem Jahr gerechnet, der auch dem US-Dollar zugutekommen dürfte.

Wie lange werde die Rally des Euro wohl noch dauern? In der Vergangenheit seien ausgeprägte Höhenflüge des Euro oft mit extrem hohen Wachstums- und Inflationsraten einhergegangen. Nach Ansicht des Experten werde die Aufwertung des Euro das Wachstum bremsen, sollte sie für den Rest dieses Jahres bis Anfang nächstes Jahr anhalten. Da die EZB derzeit möglicherweise nur begrenzt in der Lage sei, den Devisenmarkt zu kontrollieren, könnte sie gezwungen sein, sich die Möglichkeit einer Drosselung der Anleihekäufe zu bewahren. Ironischerweise könnte die Marktreaktion die EZB sogar dazu zwingen, ihre Drohung wahr zu machen und die Anleihekäufe auszuweiten.

Das Resultat sei ein kompliziertes Tauziehen zwischen einem starken Euro und einem schwächeren US-Dollar. Ein starker Euro könnte einen Rückgang der Exporte bewirken und das Wachstum in der Eurozone bremsen. Ein schwächerer US-Dollar könnte für den Rest der Welt indes sehr gut sein, insbesondere für die USA und die Schwellenländer. (Ausgabe vom 01.08.2017) (02.08.2017/alc/a/a)