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100 Tage zum Entlieben - eine französische Romanze


04.09.17 12:45
Kames Capital

London (www.anleihencheck.de) - Die 100-Tage-Marke gilt als bedeutender Zeitpunkt, um eine kurze Bewertung der Regierungszeit neuer Präsidenten vorzunehmen, so die Experten von Kames Capital.

Emmanuel Macron sei als Frankreichs jüngster Staatenlenker seit Napoleon in den Elysée-Palast eingezogen nach einer beeindruckenden Wahlkampagne, die ihm einen beachtlichen politischen Vertrauensvorschuss beschert habe. Die ersten Tage seiner Amtszeit seien ausgezeichnet verlaufen, aber recht schnell hätten sich die Wolken um "Jupiter" verdichtet (so laute Macrons Spitzname, der an den König der römischen Götter erinnere und zudem schmeichelhafter klinge als "Flamby" oder "Sarko").

Was sei also schiefgelaufen? Für erste Probleme hätten die Skandale gesorgt, die vier Minister der neuen Regierung unter fragwürdigen Umständen zum Rücktritt veranlasst hätten. Justizminister Bayrou (wie auch Sylvie Goulard), der die politische Vetternwirtschaft bekämpfen sollte, sei zum Rücktritt gezwungen worden. Ironischerweise sei ihm Scheinbeschäftigung auf EU-Kosten vorgeworfen worden. Richard Ferrand sei der übermäßigen Vorteilsbeschaffung beschuldigt worden und daraufhin zurückgetreten, während das Ansehen von Arbeitsministerin Muriel Pénicaud durch Vorwürfe ethischen Fehlverhaltens beschädigt worden sei. Darauf sei die durch Einsparungen im Verteidigungsbudget ausgelöste Krise gefolgt, die zum Rücktritt von Generalstabschef Pierre de Villiers geführt habe. Einen vergleichbaren Fall habe es zuletzt im Jahr 1958 gegeben.

Auch die mangelnde parlamentarische Erfahrung der Macron-Partei (La République en Marche) habe Schatten auf die Fähigkeit des Präsidenten geworfen, das Land grundlegend zu reformieren. Gekrönt worden sei diese Negativserie dann zweifelsohne durch sein Vorgehen an der sozialen Front. So seien die Zustimmungswerte für den Präsidenten spürbar gesunken, nachdem er bekannt gegeben habe, dass er die anstehende Reform des Arbeitsmarktes eher per Verordnung als über den üblichen parlamentarischen Weg durchsetzen wolle und zudem eine Kürzung der Wohnungsbeihilfe plane.

Nach 100 Tagen Amtszeit sei lediglich ein Drittel der französischen Bevölkerung (36%) mit dem Handeln des Staatsoberhauptes zufrieden, bei François Hollande habe die Zufriedenheit 2012 bei 46% gelegen. Macron genieße damit die niedrigste Zustimmung, die ein französischer Präsident je erhalten habe. Zum Vergleich: Macron verfehle damit sogar den Wert von Donald Trump, der (neben vielen anderen besorgniserregenden Aktionen) immerhin in einen Konflikt mit Nordkorea verwickelt sei, welcher den Einsatz von Atomwaffen nicht ausschließe! Hinzu komme, dass lediglich 23% der Befragten glauben würden, dass sich das Land in die richtige Richtung bewege, gegenüber 45% im August 2007, drei Monate nach der Wahl von Nicolas Sarkozy.

Es gebe aber auch Positives zu vermelden. So habe Emanuel Macron während der dreimonatigen "Gnadenfrist" einige seiner symbolträchtigsten Versprechen erfüllt. Er habe durch die Bildung einer fortschrittlichen Regierung und Erneuerung der Nationalversammlung auf bisher nicht gekannte Weise alte Parteigräben überwunden. Regierungssprecher Christophe Castaner habe erneut die politischen Prioritäten des Präsidenten bekräftigt, der "das Vertrauen der Bevölkerung in die demokratischen Institutionen des Landes wieder herstellen, das Sozialmodell erneuern, das Bildungssystem reformieren, den ökologischen Wandel erleichtern und zum Europäischen Versprechen zurückkehren möchte".

Darüber hinaus habe der Präsident während der ersten drei Monate seiner Amtszeit auch die weltweite Aufmerksamkeit auf sich und das Land gelenkt. So habe er US-Präsident Donald Trump und seinen russischen Amtskollegen Vladimir Putin empfangen. Mit Macron, der sowohl auf nationaler als auch auf zwischenstaatlicher Ebene eine ehrgeizige und fortschrittliche politische Agenda verfolge, melde sich Frankreich auf der internationalen Bühne zurück.

Die nächste Hürde, die Macron zu nehmen habe, seien die für Herbst geplanten Aktionen der sozialen Bewegungen, die für die Autorität des Präsidenten eine beachtliche Herausforderung darstellen würden. Es werde spannend zu beobachten, wie energisch Macron auf die "Reaktion der Straße" reagiere, denn dieses Verhalten könnte bereits einen Meilenstein seiner fünfjährigen Amtszeit darstellen.

Seit der Wahl hätten die politischen Entwicklungen in Frankreich die Renditen französischer Schuldverschreibungen (OAT) nicht wirklich beeinträchtigt. Vielmehr seien letztere größtenteils durch die Anleihekäufe der EZB und BoJ getrieben worden. Vor den Wahlen hätten japanische Investoren zu den Netto-Verkäufern angesichts des gestiegenen Risikos einer befürchteten Stichwahl zwischen Le Pen und Mélanchon gezählt, woraufhin sich der Spread zwischen 10-jährigen OATs und Bunds von 30 BP auf 80 BP ausgeweitet habe. Nach der Wahl seien Nippons Anleger dann langsam an den Markt zurückgekehrt, sodass der Renditeabstand wieder schrittweise auf 30 BP gesunken sei.

Im Juni habe Draghis Rede in Sintra einen Ausverkauf ausgelöst, bei dem OATs besser als Bunds abgeschnitten hätten, während die EZB verstärkt Anleihen aus Frankreich (und Italien) gekauft habe. Auf ihrem aktuellen Niveau würden die Experten den Spreads von OATs vs. Bunds neutral gegenüberstehen, da eine weitere Verengung wohl nicht möglich sei, und Bunds in einem durch Risikoscheue geprägten Umfeld eine Outperformance bieten würden. (04.09.2017/alc/a/a)